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Neue Folge in unserer “Mystery-Serie”: 202X — Das Exponentielle Jahrzehnt.

Die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts sind den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht ganz unähnlich: Fortschritt und Furcht gehen Hand in Hand. Vor 100 Jahren brachte Fritz Lang die Weltöffentlichkeit mit seinem monumentalen Stummfilm Metropolis für 2,5 Stunden zum Schweigen. Heute sind es “Mystery-Thriller-Serien-Events” wie neXt, die uns die Augen öffnen sollen für das Böse, das in unserem Fortschritt lauert. Damals hat man die kollektive Angst mit einem Gläschen Absinth im Moka Efti gelindert, heute berauschen wir uns an Echtzeit-Hysterie im Social Web.

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Der einzige unaufgeregte Satz in der Digital-Skandal-Doku “The Social Dilemma”

Auch in der “Mystery-Thriller-Reality”-Doku The Social Dilemma werden wir gleich zu Beginn daran erinnert, dass “nichts Großes in das Leben von Sterblichen eintritt, ohne einen Fluch”, der scheinbar untrennbar mit dem Segen verbunden ist. Die Jungs von Google haben offenbar auch mal was von Sophokles gelesen — daher haben sie sich gleich zu Beginn “Don’t be evil” auf die Fahne geschrieben. Und da liegt das Problem: Am Anfang waren sie noch nicht “vast”, also noch nicht so riesengroß und überwältigend wie Microsoft, gegen die sie sich als idealistische Startup Boys klar abgrenzen wollten. Vast sind sie erst heute, so vast, dass sie mittlerweile vom Justizministerium der US-Regierung wegen ihrer Monopolstellung verklagt werden. Vast macht uns Angst, weil wir es mit unserem linearen Verständnis nur noch schwer nachvollziehen können. Das ist die Angst vor dem Metropolis unserer Zeit: Exponentieller Fortschritt, der uns — wie ein zynisches Zeichen des Schicksals — von Covid-19 direkt vor Augen geführt wird.

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Exponentielle Ausbreitung der Angst

In der letzten “Folge” unserer neuen 202X-Serie haben wir uns bereits mit einigen exponentiellen Phänomenen beschäftigt — von Corona Lernkurven bis hin zu Artificial Creativity. Und wie zum Beweis der massiven Beschleunigung exponentieller Technologien können wir heute bereits über einen weiteren Meilenstein berichten: Der Trailer für das AI-Mystery-Spektakel neXt wurde vom Hauptdarsteller höchstpersönlich entwickelt — einer Künstlichen Intelligenz, die (Achtung, Spoiler) in der Serie mal wieder jede Menge Unheil anrichtet.

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Und noch ein alter Bekannter: John Slattery hat uns bereits als Roger Sterling bei Mad Men in den Wahnsinn getrieben. Hier spielt er einen paranoiden Milliardär.

Damit sind wir dann auch schon beim größten Kritikpunkt der Reviews: Schon wieder wird das vermeintlich Überlegene (Human-Level AI) als größte Bedrohung für die Menschheit dargestellt. Das liegt in erster Linie natürlich daran, dass Angst sich besser verkauft — nicht nur auf der Leinwand, auch im Kopfkino. In zweiter Linie greifen die Macher des Spektakels aber auch berechtigte Befürchtungen auf, unter anderem von Tech-Kalibern wie Stephen Hawking, Elon Musk und Bill Gates. Hawking wusste bereits Jahre vor dem Hype um die Potenz der künstlichen Intelligenz — und damit auch um die realen Gefahren, die von Exponentiellen Technologien ausgehen.

Musk geht sogar so weit, dass er Menschen mit Neuralinks ausstatten möchte, die dafür sorgen, dass wir mit den rasanten Entwicklungen, die wir selbst geschaffen haben, überhaupt noch mithalten können. Von einem Roboter ins Hirn operiert (weil weniger riskant), verbindet der Neuralink uns mit der Cloud, die uns von den naturgegebenen Grenzen unserer neuronalen Kapazitäten befreit und uns damit wieder auf Augenhöhe bringt mit intelligenten Nano-Maschinen, die uns bereits heute in vielen Bereichen überlegen sind.

Are we nuts? 🐿
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WHAT WOULD DON DO?

Spätestens bei der Idee, sich “chippen” zu lassen, kommt eine neue alte Bekannte ins Spiel: Die Verschwörungsangst. Führt das nicht zu totaler Überwachung? Wer steckt da wirklich dahinter? Und was, wenn sich jemand in mein Hirn hackt? Oder in das meines Nachbarn? Alles berechtigte Sorgen. Genauso berechtigt wie die Annahme, dass wir ohne BMIs bald nicht mehr mithalten können mit den Quantensprüngen exponentieller Technologien. Und diese zu bremsen, ist kaum eine Option, da sie auf der anderen Seite wiederum enorme Fortschritte bringen, z.B. in der Medizin. Ein Dilemma.

Bei Zukunftsangst fliehen wir gerne in die Vergangenheit. Denn im Rückblick scheint alles sicher gewesen zu sein. Dabei gab es in der Vergangenheit noch viel skurrilere Konflikte.

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Eine überaus amüsante Sammlung dieser fortschrittsskeptischen Beobachtungen findet sich in den “Standardsituationen der Technologiekritik” von Kathrin Passig. Mit heute immer noch relevanten Themen. Das Thema Privacy und Überwachung war bereits 1667 ein großer Konflikt: Als unter Ludwig IVX. in Paris die Straßenbeleuchtung eingeführt wurde, fühlten sich die Pariser ihrer Privatsphäre beraubt — und zerstörten kurzerhand die in der Gegend herumstehenden Neuerungen. Kein Einzelfall. In Deutschland waren es 1790 die Wegweiser, die den Unmut der Bürger auf sich zogen und ebenfalls der Zerstörungswut zum Opfer fielen. So wie erst kürzlich die Leihfahrräder an Bahnhöfen dran glauben mussten, bevor sich die Bewohner “an den Anblick gewöhnt” hatten. Im Jahr 1876 zweifelte der damalige US-Präsident Hayes höchstpersönlich an den Segnungen des gerade neu erfundenen Telefons (“Amazing, but who would ever want to use one of them?”). Und von 1927 ist die legendäre Frage des Filmstudio-Titans Harry Warner überliefert: “Who the hell wants to hear actors talk?” — also genau in dem Jahr, in dem Metropolis seine Stummfilm-Premiere feierte. Womit wir wieder am Anfang unserer kleinen Geisterbahnfahrt wären.

Die Angst vor dem Neuen war manchmal so groß, dass damals schon “Alternative Fakten” in Umlauf gebracht wurden. Zum Beispiel gab es das Gerücht, dass schwangere Frauen ihr Kind verlieren, wenn sie mit einer Bahn fahren, die schneller als 30km/h unterwegs ist. Ebenso skurril ist einer der ersten Strafzettel für überhöhte Geschwindigkeit, den antoni für eine neue Mercedes-Benz Kampagne wieder ausgegraben hat. Damals sagte man noch “Benz-Motor-Pferd”, um das neue Zukunftsvehikel zu beschreiben.

Der Artikel von Kathrin Passig hat eine so hohe Dichte an aberwitzigen Beispielen — übrigens neuerdings auch von der Gegenseite, also den Heilsversprechungen der Fortschrittsapostel — , dass man aus dem Staunen & Lachen nicht mehr rauskommt. Und dafür ist unsere 202X-Serie ja auch gedacht: “Keine How to’s, eher WTF’s. Staunen und lachen, lernen und machen.”

Dazu sehen wir uns abschließend noch kurz drei Beispiele aus der Zukunft an, die uns heute vielleicht ähnlich irritierend vorkommen, wie den Leuten damals die “Benz-Motor-Pferde”.

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  1. Longevity / Immortality: Das sind die Begriffe, die im Silicon Valley gerade enorm viel Fantasie & Finanzen freisetzen. Gemeint ist die Verlängerung der Lebensdauer bis hin zur Unsterblichkeit sowie die Lebensqualität in den jeweiligen Altersstufen. Beim Singularity Summit 2019 wurde die Jahreszahl von 2045 auf 2035 heruntergesetzt, weil man auch in diesem Bereich schon die ersten doppelt exponentiellen Effekte (mehr unter Quantum Computing) spürt. Eine Erläuterung der medizinischen Prozesse würde hier zu weit führen. Erste Ausführungen gibt es in dieser Präsentation zum Meta-Trend Konvergenz, den wir gerade im Rahmen eines Kundenprojektes für die strategische Positionierung erörtert haben. Und es gibt einen interessanten ttt-Beitrag zum neuen Buch „Die digitale Seele — Unsterblich werden im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“.

2. Quantum Computing: Auch bei diesem Punkt ist der erste Reflex eher Staunen & Lachen, weil wir das, was Herr Neven sagt, nicht verstehen. So wie die Leute damals gelacht haben, wenn man erzählt hat, dass die Welt eine Kugel ist. Dabei erklärt unser deutscher Vertreter in der verrückten Quantenwelt von Google das ja fast so, als ob er es seinen Kindern erzählen würde. Und will damit eigentlich nur sagen, dass sich Moore’s Law in der kommenden Quantenwelt noch mal verdoppelt, wir uns also doppelt exponentiell weiterentwickeln. Deswegen heißt Moore’s Law jetzt Neven’s Law. Und das ist so schnell, dass es dafür in der Natur kein Beispiel gibt und wir es uns daher auch nicht vorstellen können. Ist das jetzt gut oder böse? Also muss man jetzt 👍 oder 👎 klicken? Oder ist das eine binäre Frage, die es in der verrückten Quantenwelt gar nicht gibt?

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3. Brain-Machine-Interfaces: Tja, und das Dritte ist das, was wir uns oben schon kurz angesehen haben — BMIs gibt es dabei nicht nur von Neuralink, auch Facebook und viele andere Tech Player arbeiten an dieser neuen Schnittstelle zur Menschmaschine. Wenn man sich die oberen beiden Punkte ansieht, ergibt das auch Sinn — wie sollten wir diese Levels der technologischen Abstraktion sonst auch nur ansatzweise erfassen?

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(YouTube Wunderkind Mai Thi Nguyen-Kim inszeniert in ihrem mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten MaiLab Science-Channel einige BMI Szenarien in einem knapp 20-minütigen Ritt durch die faszinierende und zugleich polarisierende Thematik.)

Andererseits macht es natürlich genau deswegen auch einigen Leuten Angst, weil es so überwältigend schnell geht. Aber das ist eigentlich schon für Fortgeschrittene. Uns macht manchmal eher noch Sorge, dass sich viele Leute damit kaum zu beschäftigen scheinen. Manche machen sogar absichtlich die Augen zu, weil nicht sein kann, was sie nicht verstehen. Das wurde erneut in einer Allensbach-Umfrage zum Umgang der Deutschen mit dem Fortschritt bestätigt: “Selten war die Stimmung so fortschrittsskeptisch”.

Aber es gibt auch positive Signale: Dieses Chart haben wir zum Beispiel gerade zufällig in der Präsentation eines Kunden entdeckt 👏

Hier ist im Prinzip fast alles abgebildet, womit wir uns in unserer 202X-Serie auseinandersetzen wollen. Und es zeigt uns, dass sich vielleicht doch mehr Leute mit diesem Thema beschäftigen, als man zunächst annimmt. Wir wollen das zum Dauerthema machen und diese Serie als Plattform anbieten für einen vergnügten Austausch zu den skurrilen Absurditäten unserer Zukunft — ganz im Sinne des Erfinders dieser frohen Botschaft:

Leaps of innovation require a bravery that borders on absurdity. — Astro Teller

Irgendwie auch absurd, dass der Enkel des Erfinders der Wasserstoffbombe heute als Captain of Moonshots beim Experimentierlabor X der Google Holding Alphabet arbeitet. Wir freuen uns übrigens auch über absurde Beiträge, Rückmeldungen und Anregungen per E-Mail an 202X@pushh.it

Und für alle TL;DR-Leser: 👆Die Executive Summary steht in diesem Bild.

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Die Metropolis Interpretation von Fabriken hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit heutigen Geisterbahnen. Gefräßige “Moloche”, in denen man „malochen“ ging.

Wir danken für Ihre Fahrt mit unserer kleinen Geisterbahn, bitte alle aussteigen und bis zum nächsten Mal — ein schaurig schönes HAPPY HALLOWEEN wünschen wir 🎃

PUSHH ist eine Agentur für Content Driven Brand Building.

Autor dieser Serie: Thomas Fiehn, Senior Hybrid Creative

Written by

Content-Driven Brand-Building: https://pushh.it/de

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